{"id":276,"date":"2024-09-12T15:39:00","date_gmt":"2024-09-12T15:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/suspicious-lederberg.195-242-103-108.plesk.page\/?page_id=276"},"modified":"2024-09-12T15:39:01","modified_gmt":"2024-09-12T15:39:01","slug":"jenseits-der-abstraktion","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/jenseits-der-abstraktion\/","title":{"rendered":"Jenseits der Abstraktion"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zu den j\u00fcngsten Arbeiten Hermann-Josef Kuhnas<\/strong><br><br>von David Galloway<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat den Anschein, als tauche man in eine hypnotisierende Unterwasserwelt hinab, wo einem verschwommen leuchtende Wesen vor den Augen schweben und sich treiben lassen. Wenn wir uns dem Treiben \u00fcberlassen, k\u00f6nnen wir zu einem Teil des Geschehens werden, in dem die Farbe sich von jeglichem \u00e4u\u00dferen Mandat befreit. Doch soll das nicht hei\u00dfen, dass wir uns hier in einer Sph\u00e4re der l\u2019art pour l\u2019art bewegen. So \u201clyrisch\u201d und spontan Kuhnas Bilder auf den ersten Blick erscheinen m\u00f6gen, sind sie doch mit akribischer Sorgfalt komponiert, die Ebene um Ebene in einem disziplinierten bildnerischen Prozess sukzessiv entwickelt. Fast k\u00f6nnte man von \u201ckonstruierten\u201d Bildern sprechen, bei denen jeder einzelne Bestandteil unerl\u00e4sslich f\u00fcr die gesamte Struktur bleibt. Gleichzeitig ist der entscheidende Impuls, der diesen Arbeiten innewohnt, ganz offensichtlich eher organisch als konstruktivistischer Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die formale Strenge eines Albers oder eines Vasarely bleibt ihnen v\u00f6llig fremd, wenngleich das dynamische Zusammenspiel der Farben f\u00fcr ihre Rezeption unerl\u00e4sslich ist. Kuhnas Arbeit beginnt mit einer klaren Vorstellung von der Atmosph\u00e4re, der \u201cMessage\u201d, oder einem Rhythmus, dem er Ausdruck verleihen m\u00f6chte. Titel wie \u201cwellenreiter\u201d (2006), \u201cfruits diffus\u00e9s\u201d (2008) oder \u201cpalim palim\u201d (2009) machen den Ansatz deutlich. Bei einigen Kompositionen geht es um eine sensible Balance, andere wirken dagegen wie aufgew\u00fchlt von der Energie eines Derwisches. W\u00e4hrend \u201cnerv\u00f6ser k\u201d (2008) einen ausladenden Tanz zelebriert, lassen Werke wie \u201caktiv rectangel\u201d (2008) oder \u201cg\u00f6tterfunken\u201d (2008) uns die Bewegung eines schl\u00e4ngelnden Umzugs assoziieren \u2013 oder vielleicht doch eher einer Polonaise?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Titel sind suggestiv, nicht programmatisch, auch wenn sie uns eine klarere Vorstellung von den Absichten des K\u00fcnstlers vermitteln k\u00f6nnen, indem sie uns in die Tiefen der Komposition f\u00fchren, wo die Farbschichten sich manchmal wie tektonische Platten aneinander reiben und aufeinander schieben. Wir k\u00f6nnen uns die Schichtungen aber auch als ein Palimpsest vorstellen, auf dem sich Texte sukzessiv \u00fcberlagert haben, doch nie ganz verschwunden sind. Der gro\u00dfe englische Schriftsteller Thomas de Quincey verglich das Palimpsest daher mit dem Ged\u00e4chtnis: \u201cWhat else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, O reader! Is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. And yet in reality not one has been extinguished.\u201d Sigmund Freud entwickelte Analogien zu dem so genannten \u201cWunderblock\u201d, der es Kindern erlaubte auf eine wachsbeschichtete Fl\u00e4che zu schreiben und zu zeichnen und das Ergebnis anschlie\u00dfend wieder zu l\u00f6schen, um Raum f\u00fcr etwas Neues zu schaffen. Auch wenn nicht mehr zu entziffern, blieben Spuren des Alten dennoch stets erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Strukturalisten und den Post-Strukturalisten diente das Palimpsest als Metapher f\u00fcr den Prozess des Schreibens selbst \u2013 und in der bildenden Kunst griffen die K\u00fcnstler der CoBr-Gruppe, darunter Pierre Alechinski und Asger Jorn, auf den Terminus \u201cTopos des Palimpsests\u201d zur\u00fcck, um ein spezifisches Verfahren der Malerei zu beschreiben, bei dem sie Landkarten, Zeitschriften und Flugtickets als Hintergrund nahmen und \u00fcbermalten. Doch sind derartige Experimente mit der strengen und klassischen Maltechnik Hermann-Josef Kuhnas nat\u00fcrlich nicht zu vergleichen. Niemand, der das Atelier dieses K\u00fcnstlers besucht, kann die Pr\u00e4zision \u00fcbersehen, mit der Pinsel und Tuben, Tiegel und T\u00f6pfe organisiert sind \u2013 und alle dazu bereit, dem K\u00fcnstler zu Diensten zu sein. Der s\u00fc\u00dflich-scharfe Duft des Terpentins in der Luft unterstreicht die Bedeutung des k\u00fcnstlerischen Handwerks, das hier zugegen ist. Doch trotz der Genauigkeit der Bilder, kann man sich des Gef\u00fchls nicht erwehren, etwas sei in ihren Tiefen verborgen. Von Zeit zu Zeit tauchen tats\u00e4chlich aus den unterschwelligen Strukturen Reminiszenzen an Landschaft oder Meer auf \u2013 an menschliche Anatomie sogar, wie beispielsweise in der hier abgebildeten Trilogie der \u201cevas\u201d. (Die erotische Dimension von Kuhnas Bildern macht einen ganz wesentlichen Bestandteil ihrer staunenswerten Vitalit\u00e4t aus \u2013 wie auch die Verspieltheit und der Witz, der viele seiner Kompositionen mit Leben f\u00fcllt.) Es scheint, als w\u00e4re ihr wahres Thema hinter schimmernden Schleiern verborgen, wie die verf\u00fchrerisch l\u00fcsterne Salome. Oder erblicken vielleicht die legend\u00e4re Fata Morgana, die verschwindet sobald man ihr gewahr wird?<\/p>\n\n\n\n<p>In fr\u00fcheren Arbeiten war die Figuration h\u00e4ufig offenkundiger, wie beispielsweise die muskul\u00f6sen Akte aus der Serie \u201cgrosser akt\u201d (1985). In \u201cgrosser roter stuhl\u201d (1979) l\u00f6st sich die filigrane Silhouette eines Stuhls fast unmerklich in die Gesamtkomposition auf, wie sie gleichzeitig aus ihr aufscheint. In Kuhnas j\u00fcngsten Werken dagegen ist das Mimetische so gut wie verschwunden. Wo dessen Spuren dennoch sichtbar sind, sind sie so subtil nur angedeutet, dass sie nahtlos mit dem Gesamtbild verschmelzen. In diesem Sinne ist das Bildprogramm zunehmend minimalistisch geworden, w\u00e4hrend die Artikulation dieses Programms eine konsequente Maximierung erfahren hat. Rhythmus, Farbgebung und R\u00e4umlichkeit sind die Eckpfeiler geworden, sogar dann, wenn sich gelegentlich ein Gegenstand vage abzeichnet. Wo das der Fall ist, sind es vor allem Landschaften, die das Auge aus den Feldern schwebender Farben herausdestilliert. Die Natur ist dem Maler eine best\u00e4ndige Quelle pers\u00f6nlichen Vergn\u00fcgens und malerischer Inspiration. Selbst wenn der Titel einer Arbeit keine direkten Anhaltspunkte daf\u00fcr liefert, rechtfertigt schon die Andeutung einer horizontalen Struktur dahingehende Assoziationen. Das h\u00e4ngt zum einen mit den Sehgewohnheiten zusammen, die wir von der traditionellen Landschaftsmalerei her kennen, wie gleichzeitig auch mit Perspektive und Proportion.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob nun horizontal, wie das etwas \u00e4ltere Werk \u201chalong bay\u201d (2003) und die j\u00fcngere Arbeit \u201cebbe\u201d (2009), oder vertikal, wie \u201croskoff\u201d (2009), begr\u00fcndet die Erfahrung von R\u00e4umlichkeit eine unmittelbare Beziehung zum Betrachter. Damit ist nicht nur eine abstrakte Erfahrung der Wahrnehmung gemeint, sondern auch eine physische, bei der der Betrachter in die Atmosph\u00e4re einer Komposition hineingezogen wird. \u201cges\u00e4ht\u201d (2007) ist ein pr\u00e4gnantes Beispiel f\u00fcr diesen Transfer von Energie, wie auch die Bilder \u201csassnitz night\u201d and \u201csassnitz morning\u201d (beide 2007). Obwohl Kuhna gelegentlich auch in kleineren Formaten arbeitet, setzen die meisten seiner Bilder doch auf das, was man als menschliche Masse bezeichnen k\u00f6nnte. Auf dieser Weise k\u00f6nnen sie Energiefelder erzeugen, die eher zu aktivem Wahrnehmen ermutigen, als sie zu passiver Betrachtung verf\u00fchren. Gerade weil diese \u201call-over\u201d Kompositionen ohne Unterbrechung \u00fcber die Leinwand flie\u00dfen, scheinen sie sich in der Horizontalen auszudehnen. Daher sind sie weniger ein \u201cFenster\u201d, durch das wir blicken, als vielmehr eine Landschaft, durch die wir uns bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den zahlreichen Einfl\u00fcssen, die diese einzigartige Formensprache gebildet haben, sollten zwei besonders betont werden: Hermann-Josef Kuhnas leidenschaftliches Interesse f\u00fcr die Pal\u00e4ontologie und die Entdeckung des Werks von Vincent van Gogh. Die Faszination f\u00fcr Fossilien begleitet ihn seit seinem achten Lebensjahr und h\u00e4lt ihn heute noch so gefangen wie damals. Freim\u00fctig gesteht er ein, dass er einem Ruf als Gastprofessor umso lieber nachkommen w\u00fcrde, wenn die entsprechende Region ihm auch als Fossiliensammler interessante Ausbeute verspr\u00e4che. Dem Suchen und Sammeln folgt ein systematischer Prozess des Kategorisierens, der Bezeichnung und Registrierung, der den scheinbar zuf\u00e4lligen Funden eine Ordnung verleiht. Die Sedimentsschichten, die er als Fossiliensammler erforscht, zeigen offenkundige Parallelen zu den Bildern, wie auch zu dem Prozess des Malens selbst. Gelegentlich spielen Titel wie \u201csteinbruch\u201d (2008) direkt auf diese Leidenschaft an. Kuhnas professioneller Ehrgeiz auf dem Gebiet der Pal\u00e4ontologie erfuhr eine wichtige Best\u00e4tigung als seine private, \u00fcber einen Zeitraum von Jahrzehnten zusammengetragene Sammlung, in die Geologische Abteilung des Museums f\u00fcr Naturgeschichte in M\u00fcnster aufgenommen wurde und er die Erlaubnis erhielt, seinem Hobby sogar in Gegenden nachzugehen, die Amateuren normalerweise verschlossen bleiben. Es kann uns daher nicht verwundern, dass die leeren Schubladen und F\u00e4cher der Sammelschr\u00e4nke in seinem D\u00fcsseldorer Atelier sich schnell wieder mit neuen Funden f\u00fcllen \u2013 zuletzt auch solchen, die er bei einem Aufenthalt in der Provence gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Kuhnas Interesse f\u00fcr van Gogh geht auf seine Studientage zur\u00fcck, als er \u201cDie Br\u00fccke von Arles\u201d (1888) f\u00fcr sich entdeckte, mit ihren Ankl\u00e4ngen von japanischen Holzschnitten, die den holl\u00e4ndischen Maler einige Jahre zuvor schon fasziniert hatten. Aus heutiger Sicht ist es offensichtlich, was ihn als junger Student an diesem Bild so angesprochen haben muss: die ausbalancierte Ruhe der Szene, die Leuchtkraft der Komposition und die Fragmentierung in einzelne Pinselstriche und Farbflecken, die das Auge des Betrachters zu sanft ineinander verschmelzenden Tonwerten mischt. Van Gogh war seinerzeit nach Frankreich gereist um f\u00fcr sich selbst und befreundete K\u00fcnstlerkollegen ein \u201cAtelier des S\u00fcdens\u201d aufzubauen und dort nach dem \u201cherrlichen Kontrast zwischen Rot und Gr\u00fcn, Blau und Orange, Schwefel und Flieder\u201d zu suchen, wie er an seinen Bruder Theo schrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings wollte er sich nicht ohne eigene Nachbesserungen mit dem zufrieden geben, was die Natur ihm bot. Jedes Bild folgte einem eigenen Farbprogramm, das selbst einen gr\u00fcnen Himmel mit rosafarbenen Wolken in Einklang bringen konnte. \u201cIch entleihe der Natur\u201d, schrieb er, \u201c beim Arrangieren der Farbt\u00f6ne eine bestimmte Abfolge und eine gewisse Genauigkeit; I study nature so as not to do anything stupid\u2026, doch ob die Farbe, die ich verwende, exakt mit dem \u00fcbereinstimmt, was ich vor mir sehe, ist ohne Belang, so lange sie innerhalb des Bildes funktioniert.\u201d Aufgrund der so sensibel austarierten Tonwerte, die die teils harschen farblichen Kontraste in eine harmonische Gesamtstimmung einbinden, wirken seine Bilder nie grell. Die Parallelen zu Hermann-Josef Kuhnas Umgang mit Farben sind offensichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht gibt es noch mehr \u00dcbereinstimmungen zwischen Kuhnas Technik und der, die Vincent van Goghs Sp\u00e4twerk ihren spezifischen Stil verleiht: Durch das Setzen distinkter Pinselstriche nebeneinander schaffte er eine lebhafte und lebendige Struktur innerhalb der Komposition. In Saint-R\u00e9my, wo van Gogh in psychiatrischer Behandlung war, begann er diesem Pointillismus eine eigene Dynamik zu verleihen, indem er die Pinselstriche wellenf\u00f6rmig, in Kreisen und Spiralen arrangierte. Auch hier sind die Parallelen zu Kuhnas Arbeiten mehr als evident. Man k\u00f6nnte geradezu die These vertreten, dass, w\u00e4hrend van Gogh seine Technik unbewusst in Richtung der malerischen Abstraktion vorantrieb, Kuhna \u00fcber die Abstraktion noch hinausgeht. Seine Kritiker, darunter nichtzuletzt auch der Autor dieses Textes, greifen jedes Mal aufs Neue nach Metaphern, um ihrer spezifischen Wirkung sprachlich Ausdruck zu verleihen. Sie suchen in der Kunstgeschichte nach seinen Ahnen bei den Pointillisten und nach verwandten Positionen in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst, wie unter den Pixel-K\u00fcnstlern Petrus Wandrey, Holger B\u00e4r und Volker Hildebrandt. Vergleiche dieser Art sind berechtigt \u2013 und manchmal sogar aufschlussreich. Und doch versagen sie angesichts der \u00dcppigkeit und Opulenz, der Strenge und Logik, der Sinnlichkeit und Sinnenfreude, die Kuhnas einzigartiges Werk durchdringen.<\/p>\n\n\n\n<p>David Galloway, 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den j\u00fcngsten Arbeiten Hermann-Josef Kuhnas von David Galloway Es hat den Anschein, als tauche man in eine hypnotisierende Unterwasserwelt hinab, wo einem verschwommen leuchtende Wesen vor den Augen schweben und sich treiben lassen. 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