{"id":282,"date":"2024-09-12T15:41:43","date_gmt":"2024-09-12T15:41:43","guid":{"rendered":"https:\/\/suspicious-lederberg.195-242-103-108.plesk.page\/?page_id=282"},"modified":"2024-09-12T15:41:43","modified_gmt":"2024-09-12T15:41:43","slug":"einfuehrungsrede-zur-kuhna-ausstellung-inspiration-of-colours-fifty-fifty-galerie-duesseldorf-2011","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/einfuehrungsrede-zur-kuhna-ausstellung-inspiration-of-colours-fifty-fifty-galerie-duesseldorf-2011\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrungsrede zur Kuhna-Ausstellung &#8222;Inspiration of Colours&#8220;, Fifty-Fifty Galerie D\u00fcsseldorf, 2011"},"content":{"rendered":"\n<p>von Willi Kemp<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich k\u00fcrzlich ein Bild von <strong>Kenneth Noland<\/strong>, eines amerikanischen Farbfeldmalers, betrachtete, sprach ich davon, dass mich das Bild allein und ausschlie\u00dflich wegen der FARBE interessiere. Auf der 2 x 3 m gro\u00dfen rohen, ungrundierten Leinwand befindet sich ein durch die Farbe gebildetes Dreieck, das mit der Spitze nach unten weist. Das Bild besteht lediglich aus zwei Blaut\u00f6nen, einem Streifen Rot dazwischen und einem kleinen Gr\u00fcn.<br>Eine \u00e4ltere Dame, die ich nicht kannte, sprach mich darauf an, ob mich das Bild nicht doch an eine Sanduhr erinnere. Ich verneinte und wiederholte noch einmal, dass mich am Bild <strong>nur die Farbe<\/strong> ansprechen w\u00fcrde. Am selben Abend \u00fcberlegte ich, was diese Frau mit der Sanduhr gemeint haben k\u00f6nnte und da wurde mir klar, dass sie nur die gemalte FORM gesehen hatte. Die FARBE, die ich in den Vordergrund stellte, hatte sie nicht in der Weise wahrgenommen, wie ich das tat. Mir wurde bewusst, dass viele Menschen die Farbe gedanklich mit einem Gegenstand verbinden. Sie sehen die Farbe nicht losgel\u00f6st vom Gegenstand. Wir sehen den blauen Himmel, die gr\u00fcne Wiese, den roten Apfel, die gelbe Banane. Es bedarf schon einer geistigen Anstrengung, die<strong>Farbe losgel\u00f6st vom Gegenstand<\/strong> wahrzunehmen: nur das BLAU des Himmels, das ROT eines Apfels oder das GR\u00dcN einer Wiese. Das ist ein <strong>Abstraktionsvorgang<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Farbe, so sagen es die Philosophen seit Aristoteles, sei ein <strong>Akzidenz<\/strong>, eine Eigenschaft des Gegenstandes. Ein Akzidenz ist etwas Hinzukommendes, etwas Nebens\u00e4chliches, etwas Zuf\u00e4lliges. Es ist nicht das Essentielle, nicht das Wesentliche, nicht die Substanz. So sehen es die Philosophen. F\u00fcr die Kunst, f\u00fcr die Malerei, gilt das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Farbe<\/strong> ist das wesentliche Instrument der Malerei und erst im letzten Jahrhundert hat sich die Farbe von der Form emanzipiert und ist in der gegenstandslosen Kunst alleiniger Bildgegenstand geworden. Und wenn wir bei der Farbe BLAU sind, dann k\u00f6nnen wir Tausende von Farbnuancen erkennen, f\u00fcr die wir kein WORT, keine sprachliche Entsprechung haben. Es soll 7,5 Millionen Farbnuancen geben, oder Farbreize, die das menschliche Auge zu unterscheiden vermag. Dem stehen nur eine Handvoll Farbbezeichnungen gegen\u00fcber, die sich meist von den Materialien herleiten, die diese Farben verk\u00f6rpern, wie Rosenrot, Kobaltblau oder Schneewei\u00df. Darum ist das Sprechen \u00fcber die Farbe so schwierig. Aber bleiben wir beim BLAU. Das Blau ist von Hause aus eine kalte Farbe, mit Wei\u00df gemischt, kann es eisig wirken. Wenn das Blau mit ROT gemischt ist, dann kann das Blau eine warme T\u00f6nung bekommen. Diese <strong>emotionale<\/strong> Wirkung, die die Farbe ausl\u00f6st, h\u00e4ngt damit zusammen, dass die Farbe ein Sinneseindruck ist. Die Farbe kann einen Fanfarenklang annehmen, sie kann uns anr\u00fchren, erheben, aber auch bedr\u00fccken, wenn sie dunkel oder aschgrau ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahrnehmung von Farben wird durch die Umgebung beeinflusst, in der sie eingebunden sind. Durch die daneben stehende Farbe kann die Kalt- oder Warmwirkung ins Gegenteil umkippen. Man spricht vom Simultankontrast. Josef Albers hat sich ein Leben lang damit besch\u00e4ftigt und ein wichtiges Buch dar\u00fcber geschrieben: The Interaction of Colour.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Farbe<\/strong> allein, ist nicht viel. Das ist wie in der Musik ein <strong>einzelner Ton<\/strong>. Erst das Zusammenspiel mehrerer Farben, ergibt &#8211; wie in der Musik &#8211; einen KLANG. Und erst der Zusammenklang der Farben \u2013 das ist \u00e4hnlich wie in einem Konzert, bei dem die Klangf\u00fclle durch die verschiedenen Klangfarben der Instrumente gebildet wird \u2013 schafft einen einmaligen Resonanzraum, genauer: einen <strong>Farbraum<\/strong>, weil die Farben auch eine <strong>r\u00e4umliche<\/strong> Wirkung besitzen. Die Farben bringen das Bild zum Klingen. Sie erzeugen eine einmalige, kaum beschreibbare Atmosph\u00e4re, wie sie nur die Malerei vermittelt, wenn sie denn Kunst ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zusammenstellung von mehreren Farben ist eine h\u00f6chst subtile Angelegenheit und eine der schwierigsten Aufgaben, die es in der Kunst zu bew\u00e4ltigen gibt, um die Farben zum Leuchten zu bringen. Letztendlich ist die Farbkomposition davon abh\u00e4ngig, was der K\u00fcnstler ausdr\u00fccken will.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Kuhna-Bildern sehen wir zun\u00e4chst nur einen FARBSCHWALL. Die Farbe allein ist f\u00fcr ihn wichtig. Die Form tritt zur\u00fcck. Denn je st\u00e4rker eine Form ausgebildet ist, umso weniger nimmt man die Farbe wahr. Oder umgekehrt: die Farben treten intensiver in Erscheinung, wenn sich die Formen zur\u00fcckhalten. Die Reduzierung der Formen kann auch durch die gleiche Helligkeit unterschiedlicher Farben erreicht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wesentlich ist nun, <strong>wie der K\u00fcnstler Kuhna die Farben<\/strong> auf der Leinwand <strong>organisiert<\/strong>. Auf den ersten Blick sehen die Bilder einfach aus. Es scheint, als w\u00e4re Bildpunkt an Bildpunkt gereiht. Das ist nicht der Fall. Sie <strong>sind strukturiert<\/strong>. Das hei\u00dft, dass die Farben nach einem <strong>bestimmten Formprinzip<\/strong>, nach einer bestimmten Methode, die von Bild zu Bild wechselt, aufgetragen sind. Denken sie an das Fell eines Leoparden. Die Musterung, die Verteilung der schwarzen Flecken auf dem Tierfell folgt einer inneren Ordnung. Die Flecken sind nicht chaotisch angeordnet. Sie sind strukturiert. Nach einer solchen <strong>organischen<\/strong> Strukturierung baut auch Kuhna seine Bilder auf. In Kuhnas Bildern bringt diese Strukturierung der Farben die Bildfl\u00e4che zum Schwingen. Da sp\u00fcrt man den Rhythmus, die Vibration, das Pulsieren der Bildfl\u00e4che. Der Farbverlauf, der durch die gleiche Helligkeit der unterschiedlichen Farben nur schwach in Erscheinung tritt, l\u00e4\u00dft eine gro\u00dfe Form mehr ahnen, als dass sie sich definitiv nach vorne dr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich ist f\u00fcr einen intellektuellen Zugang zu dieser puren Malerei noch <strong>der Titel<\/strong> des jeweiligen Bildes wichtig. Er ist nicht ausschlaggebend, aber er bildet eine Br\u00fccke zum besseren Verst\u00e4ndnis des Bildes und dieser Malerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein Bild den Titel \u201e<strong>Wild and young<\/strong>\u201c tr\u00e4gt, dann k\u00f6nnen Sie davon ausgehen, dass keine m\u00fcden, traurigen Farben vermalt wurden, sondern dass die Farben frisch und hell sind und die Farbformen, die sich allein durch die Setzung der Farben ergeben, beweglich und lebendig sind. Der Titel vermittelt einem also einen bestimmten Zugang zu dem, was der K\u00fcnstler aussagen will. Es geht nicht um ein reines Farb- und Formspiel. Die aktuelle Kunst besch\u00e4ftigt sich mit unserer Welt und auch die gegenstandslose Kunst kann Sachverhalte ansprechen und ausdr\u00fccken, die damit nachdr\u00fccklich in unser Bewusstsein gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Ausstellung h\u00e4ngt das Bild \u201e<strong>Sigiriya<\/strong>\u201c. Wer schon einmal auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka war, kennt die Wolkenm\u00e4dchen aus Sigiriya. Sie geh\u00f6ren zum Weltkulturerbe. Es sind Fresken in luftiger H\u00f6he von anmutigen, barbusigen jungen Frauen, die vor etwa 1000 Jahren in einer Felsh\u00f6hle gemalt wurden. Sie strahlen Lebenslust und Freude am K\u00f6rper aus,<br>und das Kuhna-Bild ist eine Hommage an den unbekannten Maler dieser Fresken. Im seinem Bild ist die Essenz der alten Malerei eingefangen und mit den dem K\u00fcnstler zur Verf\u00fcgung stehenden heutigen Mitteln in unsere Zeit transportiert. Wenn man die Fresken aus Abbildungen oder in natura kennt, stellt sich \u00fcber den Bildtitel sofort der Bezug zum Bild von 2011 ein. Man kann das heutige Bild auch ohne das Wissen um die alten Fresken betrachten. Mit dem durch den Titel angedeuteten Hintergrund wird eine zus\u00e4tzliche <strong>inhaltliche<\/strong> Dimension erschlossen.<br>In der abstrakten Kunst ist das <strong>inhaltliche Element<\/strong> sehr offen gehalten. Es ist gerade das Interessante an der gegenstandslosen Kunst, dass sie dem Betrachter die Freiheit l\u00e4\u00dft, sich durch die Farbpracht anzusprechen zu lassen, ohne dass einem zugleich ein Gegenstand aufgedr\u00e4ngt wird, der einem dann st\u00e4ndig vor Augen steht.<br><br>Freuen Sie sich auf das durch die Farben inszenierte FEST f\u00fcr die AUGEN und lassen Sie sich von den FARBEN inspirieren und in eine Hochstimmung versetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Willi Kemp, Sept. 2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Willi Kemp Als ich k\u00fcrzlich ein Bild von Kenneth Noland, eines amerikanischen Farbfeldmalers, betrachtete, sprach ich davon, dass mich das Bild allein und ausschlie\u00dflich wegen der FARBE interessiere. Auf der 2 x 3 m gro\u00dfen rohen, ungrundierten Leinwand befindet &hellip;<\/p>\n<p class=\"read-more\"> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/einfuehrungsrede-zur-kuhna-ausstellung-inspiration-of-colours-fifty-fifty-galerie-duesseldorf-2011\/\"> <span class=\"screen-reader-text\">Einf\u00fchrungsrede zur Kuhna-Ausstellung &#8222;Inspiration of Colours&#8220;, Fifty-Fifty Galerie D\u00fcsseldorf, 2011<\/span> Weiterlesen &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-282","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/282","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=282"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/282\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":284,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/282\/revisions\/284"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=282"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}