{"id":285,"date":"2024-09-12T15:42:23","date_gmt":"2024-09-12T15:42:23","guid":{"rendered":"https:\/\/suspicious-lederberg.195-242-103-108.plesk.page\/?page_id=285"},"modified":"2024-09-12T15:42:24","modified_gmt":"2024-09-12T15:42:24","slug":"der-klang-der-bilder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/der-klang-der-bilder\/","title":{"rendered":"Der Klang der Bilder"},"content":{"rendered":"\n<p>von David Galloway<\/p>\n\n\n\n<p><em>Alle Kunst strebt unaufh\u00f6rlich hin\u00fcber in den Zustand der reinen Musik.<\/em><br>Walter Pater<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2011 erfuhr ich, dass der D\u00fcsseldorfer K\u00fcnstler Hermann-Josef Kuhna dazu eingeladen worden war, im darauffolgenden Jahr seine Gem\u00e4lde im Opernhaus in Halle an der Saale, dem Geburtsort Georg Friedrich H\u00e4ndels, auszustellen. Halb im Scherz fragte ich ihn, ob die gezeigten Werke in irgendeiner Form mit den au\u00dferordentlichen Verdiensten des Komponisten in Beziehung stehen w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich schienen die rhythmischen Strukturen von Kuhnas unverwechselbarem Stil, den ich einmal als \u201epointillistische Abstraktion\u201c bezeichnet habe, f\u00fcr eine derartige Gegen\u00fcberstellung ideal geeignet. Als die Grundkonzeption Kontur annahm, schrieb ich dem K\u00fcnstler: \u201eMir scheint dies mehr und mehr eine gro\u00dfartige Gelegenheit zu einem umfangreichen und zusammenh\u00e4ngenden Gem\u00e4ldezyklus zu sein.\u201c Austausch und Recherche, die daraufhin folgten, f\u00fchrten schlie\u00dflich zu einem ganz besonderen Dialog \u2013 fast k\u00f6nnte man von \u201eKollaboration\u201c sprechen \u2013 zwischen einem Maler und einem Komponisten. Im April 2011 fragte mich Kuhna um Rat, wie das Projekt zu beginnen sei, woraufhin ich ihm eine neue Aufnahme von H\u00e4ndels Rinaldo mit Rolando Villaz\u00f3n in der Titelrolle empfahl. Zugleich meinte ich, dass ihn Giulio Cesare in Egitto inspirieren k\u00f6nnte \u2013 dieses blutr\u00fcnstige, doch imposante Drama um Eifersucht, Neid und Ehrgeiz, das nichtsdestoweniger mit einer triumphalen \u00f6ffentlichen Liebeserkl\u00e4rung zwischen C\u00e4sar und Cleopatra beschlie\u00dft. Giulio Cesare, im Dezember 2011 vollendet, war das erste Werk des H\u00e4ndel-Zyklus; neben drei weiteren Gem\u00e4lden \u2013 Orlando, Ariodante und Il trionfo del Tempo \u2013 wurde es im Oktober 2012 im Opernhaus in Halle ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterdessen hatte Kuhna begonnen, sich mit Leben und Werk Georg Friedrich H\u00e4ndels vertraut zu machen \u2013 dem deutschen Einwanderer, den man sp\u00e4ter als englisches Kulturgut erachtete: Von seinen 42 Opern erlebten 36 ihre Urauff\u00fchrung in England, und im Jahr 1727 nahm der Komponist die britische Staatsb\u00fcrgerschaft an. (Sein starker s\u00e4chsischer Akzent lie\u00df jedoch nicht nach: Zeitgen\u00f6ssische Versuche, seine Sprechweise zu \u00fcbertragen, sind der Stoff von Kom\u00f6dien.)<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fchen Ruhm erlangte er mit der Einf\u00fchrung der italienischen Oper in London, doch gr\u00fcndete beziehungsweise leitete H\u00e4ndel auch Opernensembles und reiste durch Europa, um die bekanntesten S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger der Zeit zu engagieren, darunter der gefeierte Kastrat Senesino (Francesco Bernardi) sowie die rivalisierenden Diven Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni. Stets auf die Gegebenheiten eines umk\u00e4mpften Marktes eingestellt, nutzte er von Pyrotechnik bis zu fliegenden Drachen aufwendige Theatereffekte, um ein Publikum zu am\u00fcsieren, das an langes Sitzen nicht gew\u00f6hnt war. Ein Spaziergang vor der B\u00fchne war Usus, uninspirierte Passagen in einer Partitur wurden zuweilen mit angeregten Unterhaltungen \u00fcberbr\u00fcckt. Zu Lebzeiten geehrt und ausgezeichnet, aber auch ungeniert plagiiert und unsanft parodiert, wurde H\u00e4ndel 1759 in Anwesenheit von 3000 Trauerg\u00e4sten \u2013 darunter auch die K\u00f6nigsfamilie in einer speziell zu diesem Anlass errichteten Loge \u2013 in der Westminster Abbey feierlich beigesetzt. (H\u00e4ndel hat, neben Johann Sebastian Bach und Henry Purcell, im liturgischen Kalender der Episkopalkirche seinen eigenen Gedenktag, den 28. Juli.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit John Mainwarings Memoirs of the Life of the Late George Fridrich Handel, das nur ein Jahr nach dem Tod des Komponisten erschien, wurde H\u00e4ndel zum Gegenstand der ersten buchf\u00fcllenden Studie \u00fcber Leben und Werk eines einzelnen Musikers \u00fcberhaupt. W\u00e4hrend seine Verdienste im Opernbereich f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Jahrhunderte in der Versenkung verschwanden, sicherten ihm seine Oratorien \u2013 insbesondere der Messias \u2013 einen anhaltenden Platz in der Musikwelt. Das Londoner Grand Handel Festival, das erst 1857 im Crystal Palace stattfand, war das erste seiner Art, welches den Verdiensten eines einzelnen Komponisten gewidmet war, obgleich man H\u00e4ndels Verm\u00e4chtnis bereits 1784, zu seinem 100. Geburts- und 25. Todestag, ausgiebig zelebriert hatte. Unter den zahlreichen spektakul\u00e4ren Veranstaltungen bildeten zwei Inszenierungen des Messias in der Westminster Abbey, an denen nicht weniger als 525 Musiker beteiligt waren, den H\u00f6hepunkt. Georg II. war in die Vorbereitungen f\u00fcr das Festival ma\u00dfgeblich involviert.<br>Zu H\u00e4ndels ersten und enthusiastischsten F\u00f6rderern z\u00e4hlte Georg Ludwig, Kurf\u00fcrst von Hannover, dem H\u00e4ndel f\u00fcr eine kurze Zeit in Hannover als Kapellmeister diente, und der 1714 K\u00f6nig Georg I. von England werden sollte \u2013 ein weiterer \u201edeutscher Einwanderer\u201c, der es auf den Britischen Inseln zu etwas gebracht hat. H\u00e4ndel, der sich 1712 dauerhaft in England niedergelassen hatte, komponierte ein Te Deum zum Empfang des neuen Monarchen, sowie kurz danach die vier Coronation Anthems, die von 40 S\u00e4ngern und 160 Instrumentalisten dargeboten wurde. Zahlreiche k\u00f6nigliche Auftr\u00e4ge sollten folgen, obgleich nur wenige solch spektakul\u00e4re Zustimmung erfuhren wie die gemeinhin als Water Music (Wassermusik) bekannte Orchestersuite in 22 S\u00e4tzen, die H\u00e4ndel f\u00fcr Seine Majest\u00e4t im Jahre 1717 komponierte und zur Auff\u00fchrung brachte. Zu diesem Anlass begab man sich auf einen Ausflug auf die Themse, bei dem sich der K\u00f6nig und seine Freunde in einer Barke, und H\u00e4ndel mit f\u00fcnfzig Musikern in einer anderen befanden. Die Komposition dauerte eine volle Stunde, auf Wunsch des K\u00f6nigs wurde sie jedoch dreimal wiederholt. Zu H\u00e4ndels Zeit war M\u00e4zenaten tum f\u00fcr K\u00fcnstler von essenzieller Bedeutung, und die begeisterte k\u00f6nigliche Unterst\u00fctzung der Royal Academy of Music, deren Direktor H\u00e4ndel war, \u00f6ffnete dem Komponisten zahlreiche T\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Dank widmete H\u00e4ndel Georg I., der schon lange ein leidenschaftlicher F\u00f6rderer seiner Opern gewesen war, 1720 sein Werk Radamisto. (Ein Zeitgenosse, Lord John Hervey, berichtet, dass die Hingabe des K\u00f6nigs so weit ging, dass \u201eein H\u00e4ndel-Gegener als Hof-Gegner betrachtet wurde.\u201c) Der k\u00f6nigliche Enthusiasmus lie\u00df auch mit dem Tod Georgs I. im Jahre 1727 nicht nach. H\u00e4ndel, der seinen Nachfolger, den zuk\u00fcnftigen K\u00f6nig Georg II., seit dessen Kindheit kannte, soll zu dieser Zeit gesagt haben: \u201eSolange der Junge lebt, wird meine Musik nie einen Besch\u00fctzer brauchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ndels Beziehungen zur K\u00f6nigsfamilie vertieften sich durch seine Pflichten als Lehrer der Enkelinnen Georgs I., wof\u00fcr er eine lebenslange Pension erhielt, w\u00e4hrend k\u00f6nigliche Auftragsarbeiten lange einen entscheidenden Teil seines Einkommens ausgemacht hatten. Insofern \u00fcberrascht es nicht, dass seine Librettos ihren Fokus h\u00e4ufig auf das Schicksal und die Legitimation m\u00e4chtiger Herrscher richten: In Giulio Cesare in Egitto etwa werden zwei stolze und leidenschaftliche Monarchen (bei der Urauff\u00fchrung dargestellt von den Superstars Senesino und Francesca Cuzzoni) gegeneinander ausgespielt, um dann am trium phalen Schluss in ihrer Liebe vereint zu sein. Dergestalt ist das emotional auf &#8211; geladene Drama, das Hermann-Josef Kuhna in seine erste Arbeit des H\u00e4ndel-Zyklus \u2013 der letztlich 14 gro\u00dfformatige Gem\u00e4lde beinhalten sollte \u2013 \u00fcbertrug. Auf den ersten Blick scheint Giulio Cesare sich kaum von den vorherigen Gem\u00e4lden des K\u00fcnstlers zu unterscheiden. In einem unver\u00f6ffentlichten Aufsatz mit dem Titel &#8222;Tonfarben und Farbt\u00f6ne&#8220; beschreibt Manfred Schneckenburger Kuhnas unverwechselbaren Stil wie folgt: \u201eSeit den sp\u00e4ten 1970ern beruht Kuhnas malerisches Oeuvre auf einem pulsierenden Amalgam bunter Tupfen, die sich zu einer wimmelnden chromatischen Textur verdichten. Alle Farben kommunizieren miteinander auf der Suche nach Antworten: affirmieren, negieren, formen komplement\u00e4re Kontraste.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schneckenburgers Beschreibung lie\u00dfe sich auch auf Giulio Cesare anwenden, und doch besteht hier ein subtiler struktureller Unterschied: Im unteren Teil des Bildes sind die Pinselstriche dicht, gar ineinander verwickelt, jedoch steigen sie von dort in ein helleres, offeneres und luftigeres Feld empor. Bildlich gesprochen, bewegt sich die Komposition von der Dunkelheit hoch ins Licht, erw\u00e4chst sie der Verwirrung hin zur Aufl\u00f6sung \u2013 ganz wie die Oper selbst. Zuvor hatte sich Kuhna jeder neuen Leinwand unter dem Aspekt der Gesamtkomposition angen\u00e4hert und sich mehr oder weniger willk\u00fcrlich \u00fcber die komplette Fl\u00e4che vorgearbeitet. Die Gem\u00e4lde des H\u00e4ndel-Zyklus \u00fcbernehmen dagegen durchweg die Struktur von Giulio Cesare und bauen sich von einer \u201eUntergrenze\u201c, die die Farben und das \u201eIdiom\u201c der Pinselstriche etabliert, nach oben hin auf. Einen Farbcode f\u00fcr jedes einzelne Werk festzulegen war ein g\u00e4nzlich subjektiver Prozess, der mit Kuhnas sorgf\u00e4ltiger Besch\u00e4ftigung mit dem Libretto einsetzte. \u201eDie Geschichte\u201c, sagt Kuhna, \u201ewar immer wichtiger als die Musik selbst.\u201c Bereits in der Vergangenheit h\u00f6rte der K\u00fcnstler w\u00e4hrend des Arbeitens Musik \u2013 von franz\u00f6sischen Chansons bis zu Pink Floyd, selbst gro\u00dfe Opern des 19. Jahrhunderts \u2013, doch hatte er nie in Betracht gezogen, ein spezifisches Musikst\u00fcck in ein Gem\u00e4lde zu \u00fcbertragen. W\u00e4hrend seiner Arbeit an den H\u00e4ndel-Gem\u00e4lden h\u00f6rte der K\u00fcnstler indessen nur die Opern, die er ausgew\u00e4hlt hatte. \u201eEs funktionierte einfach nicht anders\u201c, sagt er. \u201eDann war mir Stille lieber.\u201c Im weiteren Verlauf der Serie gewann das in Giulio Cesare eingef\u00fchrte Schema zunehmend an Pr\u00e4zision. \u201eOb die geschwungenen Str\u00f6me, die durch den Ozean aus Klecksen und winzigen Vierecken flie\u00dfen, analog zu den (moderat) ornamentierten Kompositionen H\u00e4ndels gesehen werden k\u00f6nnen, ist in das Ermessen von Auge und Ohr des Betrachters gestellt\u201c, so Schneckenburger.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weiterreichende Frage, die diese Serie aufwirft, ist die nach der jahrhundertealten, multivalenten Beziehung zwischen Malerei und Musik. Seinem Zeitgenossen John Hawkins zufolge, der 1776 eine scharfsinnige Skizze zum Werdegang des Komponisten ver\u00f6ffentlichte, besa\u00df H\u00e4ndel \u201eeine gro\u00dfe Liebe zur Malerei\u201c. So h\u00e4ufte H\u00e4ndel eine Sammlung von 145 Drucken und Gem\u00e4lden an, einschlie\u00dflich eines Rembrandt-Werkes sowie Portr\u00e4ts von sich selbst und nahestehenden Freunden. Unter seinen Lieblingsmotiven finden sich einige, die Liebhabern seiner Opern gel\u00e4ufig sind: historische Themen, Jagd- und Kriegsszenen, mythologische und biblische Stoffe. In Kompositionen dieser Art tauchen oft Musikinstrumente auf, wie auch in historischen Stillleben, Vanitas-Bildern und, zur letzten Jahrhundertwende, in Gem\u00e4lden von Pablo Picasso, Juan Gris und Paul C\u00e9zanne. Seit dem 18. Jahrhundert haben bildende K\u00fcnstler h\u00e4ufig die Kulissen f\u00fcr Opern und Ballette entworfen oder sogar vollst\u00e4ndige Produktionen gestaltet. Der Architekt Inigo Jones etwa, dem man die Einf\u00fchrung von Proszeniumsbogen und Versatzst\u00fccken an der B\u00fchne in England zuschreibt, gestaltete mehr als 500 Theaterproduktionen. Der produktivste K\u00fcnstler-als-Operndesigner unserer Zeit ist David Hockney, der sein erstes B\u00fchnenbild f\u00fcr Igor Strawinskis The Rake\u2019s Progress \u2013 welches wiederum auf einer Gem\u00e4ldeserie von William Hogarth basiert \u2013 entwarf, das 1975 auf dem Glyndebourne Festival Premiere feierte. Hogarth, der H\u00e4ndel kannte, sicherlich ein Portr\u00e4t von ihm zeichnete und sich ihm bei der Unterst\u00fctzung des Londoner Foundling Hospitals anschloss, schuf bissige satirische Reprisen der Moden und Marotten des damaligen Londons \u2013 darunter auch die Verg\u00f6tterung, die man \u201eimportierten\u201c italienischen Operns\u00e4nger\/innen gew\u00e4hrte. Selbstverst\u00e4ndlich sa\u00dfen diese nicht selten bei ihm Portr\u00e4t, und durch preiswerte Drucke wurden sie sodann einem gr\u00f6\u00dferen Publikum bekannt. Das Thema Musik und Kunst ist folglich verbl\u00fcffend komplex. Selbst wenn man es auf die unmittelbare Wechselbeziehung zwischen Malerei und Musik reduziert, sind die Permutationen bemerkenswert. Das Thema wurde im Jahre 1985 mit enzyklop\u00e4discher Ausf\u00fchrlichkeit in der Ausstellung Vom Klang der Bilder in der Staatsgalerie Stuttgart durchleuchtet. Alles in allem sind musikalische Werke, die auf Gem\u00e4lden beruhen, \u00fcblicher als auf Musik beruhende Gem\u00e4lde. K\u00fcnstler neigen eher dazu, Musik atmosph\u00e4risch zu nutzen. So h\u00f6rte Jackson Pollock Jazz, um zu erreichen, was er als h\u00f6heren Zustand geistiger Klarheit betrachtete. Wie Lee Krasner, Pollocks Frau und ebenfalls K\u00fcnstlerin, einmal anmerkte: \u201eJazz? Er hielt ihn f\u00fcr die einzige wirklich kreative Sache, die sonst noch im Land passierte.\u201c Hinsichtlich Thema, Gliederung und Kolorierung bietet sich ein Gem\u00e4lde (wie ein Gedicht) direkter zur Transformation an. Dabei kann auch ein vollst\u00e4ndiges OEuvre die Inspiration liefern, wie im Falle von Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung. In dieser 1874 komponierten Suite f\u00fcr Klavier evoziert Mussorgski einen musikalischen Rundgang durch eine imagin\u00e4re Ausstellung von Gem\u00e4lden und Aquarellen seines Freundes Viktor Hartmann, der im Alter von 39 Jahren pl\u00f6tzlich verstorben war. Im Falle solch ikonischer Werke wie Arnold B\u00f6cklins eindringlicher Toteninsel existieren bedeutende Kompositionen nicht nur von Claude Debussy, sondern auch von Sergei Rachmaninow, und auch Picassos Guernica hat als Inspiration zahlreicher Musikkompositionen gedient, darunter eine Sinfonie von Leonardo Balada (1966), eine Elegie von Walter Steffens (1974\/78) sowie ein f\u00fcr den Film Guernica von Ren\u00e9-Louis Baron im Jahre 2008 komponierter Soundtrack. Steffens entwickelt h\u00e4ufig musikalische Reprisen von Gem\u00e4lden, zu denen Werke von Hieronymus Bosch, Paul Klee, Franz Marc and Jes\u00fas Rafael Soto z\u00e4hlen. Aufgrund ihrer ausgefeilten grafischen Qualit\u00e4t ist die Originalpartitur von Steffens Guernica bereits als eigenst\u00e4ndiges Kunstwerk ausgestellt worden und bietet damit ein weiteres \u00dcbergangsph\u00e4nomen. Im Grunde zeigt sich, wie Manfred Schneckenburger im nachfolgenden Essay, \u201eTon-in-Ton und andere T\u00f6ne\u201c, hervorhebt, das Verschwimmen der Grenzen bereits in der Sprache, mit der man sich auf musikalische und malerische Kompositionen bezieht. Neben dem Wort \u201eTon\u201c und der \u201eKomposition\u201c selbst ergeben sich aus der \u00e4sthetischen Reziprozit\u00e4t auch gemeinsame Begriffe wie Rhythmus, Resonanz, Kontrapunkt, Stimmung, Harmonie, Motiv, Chromatik und Schattierung. Dabei war es die Geburt reiner Abstraktion zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, die die Wechselbeziehung zum Thema eines ausgedehnten kritischen Diskurses machte. Ein zentrales Dokument dieser Auseinandersetzung ist Wassily Kandinskys \u00e4u\u00dferst einflussreiches Traktat \u00dcber das Geistige in der Kunst aus dem Jahre 1912, worin er schreibt: \u201eIm allgemeinen ist also die Farbe ein Mittel, einen direkten Einflu\u00df auf die Seele auszu\u00fcben. Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele das Klavier mit vielen Saiten. Der K\u00fcnstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste \u201azweckm\u00e4\u00dfig\u2018 die menschliche Seele in Vibration bringt.\u201c Mittels syn\u00e4sthetischer Effekte sah Kandinsky Kl\u00e4nge f\u00f6rmlich als bestimmte Farben: hellrot f\u00fcr die Trompete, helles Blau f\u00fcr die Fl\u00f6te, dunkles Blau f\u00fcr das Cello und so fort, und dies f\u00fcr das gesamte Orchester. (F\u00fcr Beethoven war h-Moll schwarz, D-Dur orange. Schubart verglich e-Moll mit \u201eeinem M\u00e4dchen [&#8230;], wei\u00df gekleidet, mit einer rosenrothen Schleife am Busen.\u201c In einer weniger bekannten Schrift mit dem Titel Punkt und Linie zu Fl\u00e4che, die 1926 am Bauhaus ver\u00f6ffentlicht wurde, bietet Kandinsky eine Analyse von \u201eUrpunkten\u201c als die fundamentalen Bausteine der Malerei. Seine Ausf\u00fchrungen insbesondere zur Interaktion von Farben und \u201eKlangpunkten\u201c wird durch den H\u00e4ndel-Zyklus vollauf best\u00e4tigt. Hermann-Josef Kuhna steht somit in einer Tradition, die f\u00fcr den Modernismus zentral ist, und dies mit einem Zyklus von 14 Gem\u00e4lden, inspiriert von 14 Opern, die nahezu den gesamten Zeitraum von H\u00e4ndels Wirken in dieser Gattung abdecken: von Agrippina, das 1709 in Venedig Premiere feierte, bis zu seiner vorletzten Oper, Idomeneo, die 1740 in London uraufgef\u00fchrt wurde. (Die eigentliche Zeitspanne der Opernkompositionen erstreckt sich von 1705 bis 1741.)* Doch sind es nicht allein Gr\u00f6\u00dfe und Umfang des H\u00e4ndel-Zyklus, die ihn so bemerkenswert machen, sondern auch seine formalen Innovationen. Kuhnas unverwechselbare Signatur ist sogleich erkennbar, und doch hat er f\u00fcr jede einzelne Oper ein origin\u00e4res Idiom gefunden, bei dem Figur, Grund und Farbe in kontinuierlicher Interaktion stehen. Von jeder zielgerichteten Pflicht befreit, kommen diese Bilder jenem \u201eZustand der Musik\u201c nahe, den Walter Pater besang.<\/p>\n\n\n\n<p>David Galloway<\/p>\n\n\n\n<p>* Prim\u00e4r aus diesem Grund habe ich mich bei der Anordnung der pr\u00e4sentierten Werke f\u00fcr \u201edie H\u00e4ndel\u2019sche Chronologie\u201c entschieden. Monat und Jahr, in denen Kuhna das jeweilige Gem\u00e4lde vollendete, sind unter dem Titel vermerkt. Ein Eins-zu-eins-Detail jeder Arbeit zeigt die Konturen der \u201eUrpunkte\u201c, aus denen sie aufgebaut ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von David Galloway Alle Kunst strebt unaufh\u00f6rlich hin\u00fcber in den Zustand der reinen Musik.Walter Pater Im Fr\u00fchjahr 2011 erfuhr ich, dass der D\u00fcsseldorfer K\u00fcnstler Hermann-Josef Kuhna dazu eingeladen worden war, im darauffolgenden Jahr seine Gem\u00e4lde im Opernhaus in Halle an &hellip;<\/p>\n<p class=\"read-more\"> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/der-klang-der-bilder\/\"> <span class=\"screen-reader-text\">Der Klang der Bilder<\/span> Weiterlesen &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-285","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/285","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=285"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":287,"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/285\/revisions\/287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}