{"id":305,"date":"2024-09-13T09:47:27","date_gmt":"2024-09-13T09:47:27","guid":{"rendered":"https:\/\/suspicious-lederberg.195-242-103-108.plesk.page\/?page_id=305"},"modified":"2024-09-13T10:23:38","modified_gmt":"2024-09-13T10:23:38","slug":"punkt-ohne-linie-zur-flaeche","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kuhna-stiftung.org\/index.php\/punkt-ohne-linie-zur-flaeche\/","title":{"rendered":"Punkt ohne Linie zur Fl\u00e4che"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr Willi Kemp \u2028<\/p>\n\n\n\n<p><br>Der Maler Hermann-Josef Kuhna hat in den vergangenen gut f\u00fcnfzig Jahren ein unverwechselbares und eigenwilliges malerisches Werk geschaffen, in dem grundlegende Wahrnehmungspotenziale der Malerei untersucht werden. Seine Formensprache ist auf das Wesentliche konzentriert, reduziert auf wenige Mittel: klare Farben, unhierarchisch organisierte Bildoberfl\u00e4chen, entwickelt aus wiederholten, in unz\u00e4hlbarer Vielfalt aufgebrachten, kleinen Einzelformen \u2013 meist Punkte, aber gelegentlich auch Formen wie Spiralen oder gar Bumerangumrisse. Die zentrale Form Kuhnas, in der alles kulminiert und aus der alles in seinen Bildern entsteht, ist der Punkt. Ein typisches Bild von Kuhna ist eine durch Punkte in verschiedenen Farben organisierte Fl\u00e4che, die zun\u00e4chst keine Orientierung au\u00dfer einem \u00fcberw\u00e4ltigend anmutenden Farbrausch anbietet. Kuhnas Bilder sind prim\u00e4re Farberscheinungen, ihre Organisation ist eine Organisation von Farben, die aus mehreren Gruppen von Punkten gleicher Farbe besteht, einander teilweise \u00fcberdeckend, aber wie bei Josef Albers nie in einem malerischen Prozess, durch Pinselbewegungen auf der Leinwand gemischt werden. Kuhnas Farbauftrag ist handwerklich, aber nicht handschriftlich oder gar gestisch zu nennen. Blickt man auf die in der Malereigeschichte bereits existierenden Traditionen von Punktebildern oder Pointillismen, so kann man feststellen, dass jeder Maler und jede Malerin ihre eigenen Punkte erfindet, und Kuhna best\u00e4tigt diese Beobachtung. Schon auf dieser unmittelbaren Ebene der Herstellung des Bildes ist also klar, dass die Punkte Kuhnas und die aus ihnen resultierenden Bilder v\u00f6llig eigenst\u00e4ndig sind und mit bereits bekannten Punktebildern direkt nichts zu tun haben. Der Pointillismus als Extremform impressionistischer Malerei, wie er von Pissarro, Seurat, sp\u00e4ter von Rysselberghe in Belgien oder Walter Ophey in Deutschland und vielen anderen praktiziert wurde, sollte nicht als Vorbild f\u00fcr Kuhnas Malerei missverstanden werden. Kuhna kennt und sch\u00e4tzt selbstverst\u00e4ndlich diesen bedeutenden fr\u00fchmodernen Malstil, seine eigene Malerei ist jedoch nicht durch ihn gepr\u00e4gt. Im Pointillismus stand die Analyse atmosph\u00e4rischer Ph\u00e4nomene, standen Licht und Raum im Vordergrund des Interesses. Kuhnas Bilder dagegen sind ohne die Kenntnis der Farbfeldmalerei und des Hard Edge von K\u00fcnstlern wie Kelly, Noland oder in Deutschland Fruhtrunk und Gaul nicht zu verstehen. Kuhnas Punktebilder sind nicht pointillistisch, sondern bei aller Kleinteiligkeit und Komplexit\u00e4t doch sehr selbstbewusst und konkret fl\u00e4chig. Diese Fl\u00e4chigkeit ist Folge der sorgf\u00e4ltigen, fast meditativen Art, in der Farbe bei Kuhna auf die Fl\u00e4che gebracht wird. Der Effekt ist seltsam faszinierend: da auch bei der Betrachtung aus geringer Entfernung keine malerische Geste zu sehen ist, bleibt die Farbwirkung selbst gleichsam ungefiltert durch das k\u00fcnstlerische Temperament. Das ist \u00e4hnlich wie bei Josef Albers und seinen Homages to the Square. Auch in diesen Bildern wirkt der n\u00fcchterne, mitunter fast naiv wirkende Farbauftrag als enorme Verst\u00e4rkung einer reinen Farbempfindung, die nicht durch genialisch-expressive K\u00f6rpergestik des Malers gest\u00f6rt wird. Kuhna entfaltet in seinen Bildern jedoch eine ganz andere \u201eInteraction of Color\u201c als der gro\u00dfe Meister aus Bottrop. Kuhnas Farbwirkung erscheint durch die Kleinteiligkeit seiner Bildorganisation reicher und komplexer. Es bleibt wichtig festzuhalten, dass Kuhnas Malerei stets als Malerei erkennbar ist, ohne das Bild durch zu viel emotionalen \u00dcberschwang zu verdecken. \u2028<br>Das erste Bild Kuhnas, das ich genauer betrachtet habe, ist das gro\u00dfformatige Gem\u00e4lde lost one aus dem Jahr 1997, das ich als Teil der Schenkung der Sammlung von Willi Kemp an das Museum Kunstpalast im Jahr 2011 in der Pr\u00e4sentation \u201eneue Farben\u201c ausstellte und dabei besonders mit einem Gem\u00e4lde von Gene Davis aus dem Jahr 1965 in Beziehung setzte \u2013 der Komposition Catwalk, einem breiten Querformat, dessen Bildoberfl\u00e4che aus zahllosen nebeneinander liegenden Vertikallinien in unterschiedlichen reinen Farben besteht.<br>Hier Linien, dort Punkte. Beide Gem\u00e4lde reagierten gut aufeinander. Obwohl \u00fcber 40 Jahre zwischen ihren Entstehungszeiten liegen, waren sie in der Ausstellung gleicherma\u00dfen pr\u00e4sent, und ihre Verwandtschaft war unmittelbar deutlich. Beides sind Beispiele f\u00fcr eine \u00fcberzeugende Reduktion der Malerei auf zwei wesentliche Mittel \u2013 die einfache Einzelform und ihre Anordnung in einer Vielzahl unterschiedlicher, reiner Farben. Der Vergleich machte mir deutlich, dass sich Kuhnas Malerei im Kontext mit anderen Bildern avantgardistischer Malerei, in denen es um die Reduzierung der formalen Mittel auf eine wesentliche Aussage geht, problemlos behaupten kann. Wie Davis\u2018 Malerei kann man auch Kuhnas Bilder nicht mit der Op Art im Sinne von Bridget Riley in Beziehung bringen, deren Farbwahl konzeptueller ist als die wesentlich freier, intuitive Farbgebung Kuhnas.<br>\u2028Es ist unn\u00f6tig, einzelne Bilder von HermannJosef Kuhna genau zu beschreiben, wenn man das generelle Prinzip erkannt hat, nach dem sie organisiert sind. Kuhnas Bilder sind keine Serienerzeugnisse, sondern v\u00f6llig individuelle Setzungen. Diese gleichsam pers\u00f6nliche Individualit\u00e4t erf\u00e4hrt der Betrachtung in der unmittelbaren Anschauung klarer und \u00fcberzeugender als in jedem Versuch einer Beschreibung. In dieser Hinsicht gleichen sie den Werken von Barnett Newman, der ebenfalls mit einem formal eng umgrenzten Vokabular Bilder erschaffen hat, die sich voneinander grundlegend unterscheiden und die sich fast wie Personen voneinander unterscheiden. Auch Kuhnas Bilder kann man insgesamt wie die Angeh\u00f6rigen einer gro\u00dfen Familie betrachten \u2013 sie alle haben gleiche Einzelmerkmale, ihre jeweils andere Zusammensetzung, die unterschiedlichen Farben und aus den Punkten erzeugten Formen machen sie zu Individuen. Als ein kennzeichnendes Merkmal lie\u00dfe sich die Schl\u00fcsselrolle des Punktes bezeichnen, der ohne den Umweg \u00fcber die Linie Formen und Kompositionen generiert \u2013 in augenzwinkerndem Gegensatz zu Kandinsky, der Linien brauchte und sie als Ergebnisse aus aneinandergereihten Punkten auffasste. Die Ambivalenz zwischen Individualit\u00e4t und \u00fcberindividuellen Stilmerkmalen, die in diesen Bildern gleichzeitig vorhanden ist, entspricht Kunstwerken aus Traditionslinien, die vielfach als \u201eprimitiv\u201c oder \u201etribal\u201c bezeichnet werden. In vielen afrikanischen Kulturen s\u00fcdlich der Sahara werden Kunstwerke in rituellen Funktionszusammenh\u00e4ngen eingesetzt, die gleichzeitig stilisiert und individuell sein m\u00fcssen, um ihre gesellschaftliche Funktion erfolgreich aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. Die Erforschung afrikanischer Skulpturen hat gezeigt, dass die Individualit\u00e4t einzelner Skulpturen eine sch\u00f6pferische Leistung von K\u00fcnstlern ist, deren eigene Pers\u00f6nlichkeit nicht im Vordergrund steht, die sich aber durch genaue Analyse durchaus erfassen l\u00e4sst. Es ist kein Zufall, dass Kunsttraditionen wie die Skulpturen des subsaharischen Afrika oder die Malerei der australischen Aborigines eine derartig anhaltende Faszination auf die europ\u00e4ischen und amerikanischen K\u00fcnstler seit Anfang des 20. Jahrhunderts ausge\u00fcbt haben. Die Simultanit\u00e4t von \u00fcberpers\u00f6nlich verbindlichen Stilvorgaben und bedingungsloser Individualit\u00e4t in diesen Kulturen war vorbildhaft f\u00fcr K\u00fcnstler, die in ihren eigenen gesellschaftlichen Bedingungen als Au\u00dfenseiter stets den Zwang empfinden mussten, ihre k\u00fcnstlerische Arbeit wenn nicht zu erkl\u00e4ren, so doch gesellschaftlich legitimieren zu m\u00fcssen. Die \u201eprimitiven\u201c oder \u201etribalistischen\u201c Kulturen gaben ihren K\u00fcnstlern ein gesellschaftlich notwendiges Aufgabenfeld f\u00fcr ihre formalen Erfindungen. Kuhna schlie\u00dft mit seinem Werk an diese Tradition an, auch seine Werke faszinieren durch die ambivalente Pr\u00e4senz anonymer und unverwechselbar individueller Elemente. Nat\u00fcrlich sind sie keine rituellen Bilder, sondern zweckfreie Kompositionen \u2013 wie avantgardistische Kunst der westlichen Welt seit dem Beginn des 20. Jahrhundert. Ihre strukturelle Verwandtschaft zu rituellen Kultobjekten begr\u00fcndet jedoch ihre \u00dcberzeugungskraft. \u2028<br>Ein halbes Jahr vor der Ausstellung \u201eNeue Farben\u201c im Museum Kunstpalast konnte ich im K\u00f6lner Museum Ludwig das Bild Alalgura (1993) der australischen Malerin Emily Kame Kngwarreye (1916-1996) sehen \u2013 eine rein aus Punkten unterschiedlicher Farbe zusammengesetzte gro\u00dfe Komposition, deren Kurzbeschreibung auf Kuhnas Bilder ebenso gut passen w\u00fcrde<sup data-fn=\"4fa0cfb7-3a29-4eb4-a282-ae94850943bb\" class=\"fn\"><a href=\"#4fa0cfb7-3a29-4eb4-a282-ae94850943bb\" id=\"4fa0cfb7-3a29-4eb4-a282-ae94850943bb-link\">1<\/a><\/sup>. Der kulturelle Hintergrund dieser beiden verschiedenen Punktebilder unterscheidet sich grundlegend, und doch stehen Kuhna wie auch Emily Kame Kngwarreye in ihren jeweiligen Kulturtraditionen an einem extremen Punkt, indem sie Bildkompositionen erfanden, die aus unhierarchisch organisierten Gruppierungen von Punkten unterschiedlicher Farbe auf einer gro\u00dfen Fl\u00e4che bestehen. Es gibt bei aller Unterschiedlichkeit doch eine gro\u00dfe Affinit\u00e4t zwischen diesen K\u00fcnstlern, und dies l\u00e4sst den Schluss zu, dass Malereitraditionen aus unterschiedlichen<br>Zeiten und Regionen sich nach \u00e4hnlichen Kriterien entwickeln und auch nach \u00e4hnlichen Kriterien beurteilt werden k\u00f6nnen. Die Punktemalerei von Hermann-Josef Kuhna braucht keinen Vergleich zu scheuen, und sie er\u00f6ffnet den Zugang zu anderen Traditionen der Malerei. Die Affinit\u00e4ten von Kuhnas Malerei reichen weit, weil sie grundlegende Fragen der Wahrnehmung adressieren. Kuhnas Bilder insistieren auf einer Pr\u00e4senz, die an die Ideale der Amerikaner Barnett Newman und Ad Reinhardt heranreicht: \u201eThe Sublime is Now\u201c vs. \u201eTimeless Painting\u201c. Kuhnas Bilder besitzen eine beinahe anonyme \u00dcberzeugungskraft, der K\u00fcnstler tritt hinter die Wirkung seiner Bilder zur\u00fcck, seine Malerei ist nicht expressiv aufdringlich. Dennoch bleibt sie \u2013 bei Nahsicht \u2013 immer erkennbar als Malerei, als Handarbeit. Die ehrliche Flachheit seiner Bilder, die sich den ungemischten Farben verdankt, erzeugt eine komplexe Wirkung in der Wahrnehmung des Betrachters, die sich immer wieder und zuverl\u00e4ssig neu einstellt, wenn man mit der Betrachtung beginnt. Kuhna malt seit gut 50 Jahren, und seine Bilder scheinen nicht zu altern. In seinem Gesamtwerk sind Entwicklungslinien nur auf gleichsam mikroskopischer Ebene zu erkennen, k\u00fcnstlerische Entwicklung steht in diesem Werk nicht im Vordergrund. Jedes einzelne Bild von Hermann-Josef Kuhna ist unverwechselbar und doch sind sie alle gleich, weil sie von Kuhna gemalt worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Kay Heymer, 2016<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"4fa0cfb7-3a29-4eb4-a282-ae94850943bb\">Ausstellung Remembering Forward. Malerei der australischen Aborigines seit 1960. Museum Ludwig, K\u00f6ln \/ Hirmer Verlag, M\u00fcnchen 2010. <a href=\"#4fa0cfb7-3a29-4eb4-a282-ae94850943bb-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Willi Kemp \u2028 Der Maler Hermann-Josef Kuhna hat in den vergangenen gut f\u00fcnfzig Jahren ein unverwechselbares und eigenwilliges malerisches Werk geschaffen, in dem grundlegende Wahrnehmungspotenziale der Malerei untersucht werden. 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